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www.heutewirmorgenihr.de
Freude und Leid - Mut und Wut Pflegealltag in Deutschland
Inhaltsverzeichnis
Maria Peschek, Kabarettistin "Wer Pech hat, kriegt eben eine Magensonde."
Claus Fussek Vorwort
Einstieg - Ein alltägliches Erlebnis
Meine eigene Situation
Claus Fussek Nachtrag Zur Rechtslage
Anhang - Adressen die weiterhelfen
Pflege-Frust von der Seele geschrieben Bericht einer Angehörigen berührt
Von Kay Müller
"Eigentlich hätte es leicht sein sollen, ein geeignetes Haus für meine Mutter zu finden - es gibt heute verbindliche Pflegestandards, die auch nachgeprüft werden. Was wir jedoch in den verschiedenen Einrichtungen erleben mussten, spottete zum Teil jeder Vorstellung. Insgesamt hat meine Mutter in neun verschiedenen Pflegeheimen gelebt - und jedes Mal war ihr Umzug keine freiwillige Entscheidung von unserer Seite, sondern das Ende einer Katastrophe." Wer die ersten Seiten von Astrid Wörns Buch mit dem ungewöhnlichen Titel www.heutewirmorgenihr.de aufschlägt, merkt: da schreibt sich jemand den Frust von der Seele. Die Suche nach einem geeigneten Altenheim für ihre demenz-kranke Mutter gestaltet sich für Wörn zu einer schier unglaublichen Reise durch den Pflegenotstand: "Meine Wertevorstellungen, meine Ideale, mein Glaube daran, in einer humanen Gesellschaft zu leben, wurden so radikal erschüttert, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte", erinnert sich die Autorin. In teilweise erschütternden Details berichtet sie von Lieblosigkeiten und Verdrängungen, die einem alten Menschen im Pflegealltag die Würde rauben: von Heimbewohnern, denen aus Zeitmangel Körperpflege, Spaziergänge oder sogar regelmäßige Toilettengänge vorenthalten werden, von demotivierten Pflegern und intriganten Oberschwestern, die kritische Angehörige wie Eindringlinge und Störenfriede beachten. Sie klagt ein System an, das von einer "kalten, nur noch von der Stoppuhr bestimmten Akkordpflege" gekennzeichnet ist und in dem wenig Platz für Menschlichkeit bleibt. Wörn legt einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht vor, der engagiert Partei ergreift für die Interessen alter und pflegebedürftiger Menschen. Bei aller Kritik findet sich auch viel praktische Lebenshilfe für Menschen, die selbst vor der Aufgabe stehen, selbst ein geeignetes Pflegeheim für die Eltern oder Großeltern zu suchen. So ist dieses Buch ein nützlicher Ratgeber für Angehörige, aber auch eine anregende Lektüre für selbstkritische und verantwortungsbewusste Pflegekräfte. Denn die - darüber darf alle verständliche Polemik der Autorin nicht hinwegtäuschen - gibt es eben auch.
Rezension "neue bildpost" 12. Februar 2004
Buchauszug
II. Hier können wir nicht bleiben Die Geschichte einer unglaublichen Reise durch neun Pflegeheime
"Jetzt können wir nur noch darüber verhandeln, ob wir an dem einen oder dem anderen eingehen."
Ausspruch meiner Mutter an einem Nachmittag im Pflegeheim.
Eigentlich hätte es leicht sein sollen, ein geeignetes Haus für meine Mutter zu finden - es gibt heute verbindliche Pflegestandards, die auch nachgeprüft werden. Was wir jedoch in den verschiedenen Einrichtungen erleben mussten, spottete zum Teil jeder Vorstellung. Insgesamt hat meine Mutter in neun verschiedenen Pflegeheimen gelebt - und jedes Mal war ihr Umzug keine freiwillige Entscheidung von unserer Seite, sondern das Ende einer Katastrophe.
Die Situation der Pflege in unserem Lande wird immer dramatischer. Die Pflegeheime werden mit Recht kontrolliert, jedoch können die Pflegestandards nicht eingehalten werden, da sich Krankenkassen, Sozialämter und Heimbetreiber beharrlich weigern, Verantwortung und finanzielle Absicherung von Leistungen zu übernehmen. Ein groteskes Spiel der Pflegebürokraten hat begonnen, das leider nicht die pflegebedürftigen Menschen, ihre Angehörigen, die Pflegekräfte und behandelnden Ärzte schützt, sondern nur sich selbst dient. Die Anzahl der Mitarbeiter in der Pflegeverwaltung wächst bei gleichzeitiger Reduzierung des Pflegepersonals. Wie sollen Pflegestandards zum Schutz der alten Menschen durchgesetzt werden, wenn nicht genügend und vor allem nicht genügend qualifizierte Pflegekräfte da sind, die diese Maßnahmen fachlich erfassen und menschlich umsetzen? Der Medizinische Dienst der Krankenkassen macht es sich sehr einfach, wenn er mit dem Finger auf die Heime und Häuslichen Dienste zeigt, ohne bessere Arbeits- und Ausbildungsmaßnahmen und deren Finanzierung zu fördern. Allerdings liegt selbstverständlich auch eine Eigenverantwortung bei jeder einzelnen Pflegekraft, bei jedem Pflegedienstleiter und Heimleiter, rechtzeitig den Mund aufzumachen und unhaltbare Zustände aus Eigennutz nicht zu decken, sondern auszusprechen und weiterzuleiten. Staatliche, kirchliche und private Heimanbieter als Geldgeber und Eigentümer sind hier ebenfalls gefordert, außer über Gewinnmaximierung auch über weitere Werte nachzudenken. Auf der ganzen Linie ist eine kostengerechte, vernünftige und menschliche Planung versäumt worden und somit stehen alle von der Pflege Betroffenen jetzt am Abgrund oder sind schon hineingefallen.
An die Adresse der Politikerinnen und Politiker aller Parteien sei die Frage gestellt, wann endlich auch der Dickfelligste begreift, dass auch sie oder er schon morgen durch Krankheit, Unfall oder eben durch das Alter pflegebedürftig werden kann. Hat kein einziger Politiker einen pflegebedürftigen Vater oder eine demenzerkrankte Mutter, und wenn doch, wie geht er/sie damit um? Da man mit dem Thema Pflege keine Börsenkurse zum Klettern bringt, ist die Sache schnell vom Tisch. Und falls irgendein Politiker sich im Stillen denkt, er habe ja genug Geld angehäuft und ähnliches mehr, um sich gute Pflege leisten zu können, sei diesem nur gesagt: Irrtum! Es ist in den letzten Jahren so viel am falschen Ende gespart worden und der gesamte Bereich Pflege einschließlich seiner dort beschäftigten Mitarbeiter ist so desolat und instabil, dass selbst mit viel Geld nur noch schlechte Pflege zu bekommen ist.
Als Tochter einer über lange Jahre schwerstpflegebedürftigen Mutter bin ich leidgeprüft. Ich habe in den letzten Jahren Erfahrungen machen müssen, die so abgründig sind, dass man eigentlich in tiefste Depressionen verfallen müsste. Damit ich dies nicht tue, schreibe ich. Meine an einer Altersdemenz erkrankte Mutter wohnte innerhalb von acht Jahren Pflegebedürftigkeit in neun verschiedenen Pflegeheimen. Das ist im Schnitt pro Jahr eins, was sich unglaubhaft anhören mag - und es auch ist. Kein Umzug war eine freiwillige Entscheidung, sondern jedes Mal das Ende einer Katastrophe. Ich als Tochter, meine Freundin Eva und einige wenige übrig gebliebene Freunde begleiteten meine Mutter oder nahmen zumindest Anteil. Von dieser Pflegeheim-Odyssee möchte ich eine wahrlich unglaubliche Geschichte erzählen.
Im ersten Haus begann es damit, dass eine rigide Stationsschwester meiner Mutter verbot, über den Flur zu laufen. Der Heimarzt verabreichte Haldol. Meine Mutter weinte bald nur noch, bekam vor Kummer eine Hautentzündung am ganzen Körper und kratzte sich überall blutig. Darauf wurde nicht etwa mit einer hautärztlichen Versorgung reagiert, sondern mit Beruhigungspillen. Hätten nicht wir als Angehörige die Sache in die Hand genommen und meine Mutter in die Hautklinik gebracht - was im übrigen als Einmischung scharf verurteilt wurde! -, säße sie heute wohl immer noch eingesperrt und aufgekratzt auf demselben Platz. Wahrscheinlich wäre sie nach kurzer Zeit gestorben, und man hätte ihren Tod als den normalen Lauf der Dinge angesehen. Wie viele alte Menschen in den Heimen an Kummer, schlampiger Versorgung und zu spätem Eingreifen sterben, woraufhin es dann lakonisch heißt, sie oder er sei doch alt und krank gewesen, und ein schnelles Ende sei doch besser für sie oder ihn, ist noch nicht statistisch erfasst.
Im zweiten Heim ging es damit weiter, dass die Stationsschwester schwer krank wurde und ihre Vertretung die Leitung übernahm. Dies führte nach kurzer Zeit zu einer übel riechenden und verwahrlosten Station. Meine Mutter bekam aufgrund völlig unhygienischer beziehungsweise gar keiner Körperpflege eine eitrige Unterleibsentzündung und musste operiert werden. Die zuständige Heimleitung, die eher durch phlegmatisches Gelangweiltsein denn durch tatkräftiges Eingreifen auffiel, konnte uns leider nicht weiterhelfen. Sie sah keinen Pflegefehler!
Haus Nummer drei wirkte anfangs Hoffnung erweckend mit einem dynamischen, aufgeschlossenen Heimleiter. Dieser verschwand jedoch plötzlich. Er hatte sich zu sehr für die Öffnung des Hauses und für die Belange der Alten und Angehörigen eingesetzt. Eine intrigante Oberschwester hatte hier ihre Fäden gesponnen, und ein brutaler Pfleger, der "null Bock" auf Pflege hatte, aber stillschweigend vom Haus geduldet wurde, konnte nun unbehelligt seine Aggressionen an den alten, kranken und behinderten Menschen ausleben. Meiner Mutter riss er im Badezimmer die Hose herunter, weil ihm der Toilettengang zu lange dauerte. Daraufhin entwickelte sie panische Ängste, wenn sie zur Toilette musste oder ins Bett ging.
Das vierte Pflegeheim: Wir hatten nur Gutes gehört und monatelang auf einen freien Platz gewartet. Eine renommierte Einrichtung in einem schönen Hamburger Vorort. Schon am ersten Wochenende lernten wir jedoch den wahren Ton dieses Hauses kennen. Eine Pflegerin schnauzte meine Mutter auf der Toilette an, sie solle mal ein bisschen zackig machen, denn es seien noch 27 andere Bewohner zu versorgen. Uns standen die Haare zu Berge. Es gab Gespräche, die aber nichts an dem geringschätzigen Umgangston änderten. Eine neue Pflegedienstleitung brachte dann endgültig die Stimmung im Haus zum Kippen. Menschlich intakte und kritische Mitarbeiter kündigten oder wurden demontiert. Meine Mutter saß bei herrlichstem Frühlingswetter in ihrem Zimmer hinter herabgelassenen Jalousien wie ein Tier im Käfig, obwohl das Haus über den Luxus einer riesigen Terrasse vor jedem Zimmer verfügte. Uns als Angehörigen wurde mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass wir unerwünscht seien. Besonders erschütternd war die Tatsache, dass Mitarbeiter, die bis dahin offen gewirkt hatten, von einem Tag zum anderen nicht mehr mit uns sprachen, weil es so angeordnet wurde.
Die fünfte Pflegeeinrichtung war nicht schlecht. Ein respektvoller Umgangston, viele freundliche Gesichter, ein kleines Kulturprogramm, zu dem auch stärker Verwirrte mitgenommen wurden, ließen uns kurzfristig aufatmen. Meine Mutter lebte sich schnell in einer netten Runde ein. Es ging ihr gut - bis zu dem Tag, an dem wir zu Besuch kamen und sie halb tot in ihrem Stuhl hing und mich mit den Worten begrüßte: "Warum helft ihr nicht?" Sie konnte nur noch schlurfend laufen und fragte mich: "Muss ich jetzt sterben?" Als ich nachfragte, wie lange meine Mutter sich schon in diesem Zustand befände und ob der Hausarzt informiert sei, wusste dies keiner so genau. Bis wir von einer jungen Mitarbeiterin erfuhren, dass meine Mutter schon seit drei Tagen nur noch schleppend bis gar nicht mehr laufen konnte und kaum noch aß. Obwohl wir immer wieder darum gebeten hatten, sofort benachrichtigt zu werden, wenn sich das Befinden meiner Mutter verschlechtern sollte, was ja für alle zugänglich im PC vermerkt wurde, hatte uns niemand angerufen. Nach einem heftigen Streit mit der Stationsschwester, die von sich behauptete, sie sei eine sehr erfahrene Mitarbeiterin und habe keinen Anlass gesehen, einen Arzt zu holen, gab es eine noch heftigere Auseinandersetzung mit der stellvertretenden Pflegedienstleitung. Diese begriff den Sachverhalt erst gar nicht und machte den Vorschlag, ich solle doch für meine Mutter ein anderes Haus suchen. Daraufhin schaltete ich den Heimleiter ein, der empört über das unprofessionelle Verhalten seiner Mitarbeiterinnen Anweisungen gab, wie man mit Angehörigen klüger umgehen solle und dass es das Mindeste an Verantwortung sei, wenigstens den Hausarzt zu benachrichtigen. Wieder waren wir als Angehörige es, die den Arzt holten. Er stellte eine Bauchspeicheldrüsenentzündung plus eine beginnende Lungenentzündung fest. Meine Mutter bekam über drei Wochen hoch dosierte Antibiotika (was die besagte Stationsschwester im Übrigen lächerlich fand!). Weil die Krankheit verschleppt worden war, erholte sich meine Mutter nur sehr langsam und hatte danach auch geistig sehr abgebaut. Unser Vertrauen zum Personal der Einrichtung war dahin und ich ging jeden Tag ins Pflegeheim, um mir selbst ein Bild vom Befinden meiner Mutter zu machen. Da dieser Zeitaufwand über lange Zeit nicht zu bewältigen war, mussten wir zwangsläufig ein neues Heim suchen.
Heim Nummer sechs lag am Stadtrand von Hamburg. Da hier gerade eine neue und sehr ansprechende Abteilung eröffnet wurde, entschieden wir uns für ein hübsches, sonniges Doppelzimmer mit einem wunderschönen Blick über Wälder und Felder. Darin, dass sich alle Beteiligten, die Bewohner selbst, die Angehörigen und die Pflegekräfte, ganz neu zusammenfinden mussten, lag die Chance, es vielleicht einmal anders, besser, bewohnerorientierter zu gestalten. Fehlanzeige: Hier herrschte von Anbeginn das absolute Pflegechaos. Gleich am zweiten Tag fand meine Freundin Eva meine Mutter nur mit einem Flügelhemd bekleidet barfuß und völlig zusammengesunken auf einem Stuhl vor. Am Tag darauf saß meine Mutter nachmittags in einer vollkommen durchnässten Windelhose in ihrem Zimmer und weinte. Seit morgens hatte sich niemand um sie gekümmert. Medikamente waren nicht ausgeteilt worden, ihre Diät wurde nicht eingehalten. Eine unangenehme Hauswirtschaftsleiterin baute sich wichtigtuerisch vor uns auf und nahm meiner Mutter gleich am ersten Tag die gesamte Wäsche weg, um sie mit Namen zu kennzeichnen. Außer den Sachen, die sie am Körper trug, hatte sie nichts mehr. Sie musste also die nächste Zeit Heimkleidung tragen, wie in einem Lager. Ich habe diese Situation als einen der schlimmsten Momente in all den Jahren der Pflegebegleitung erlebt. Identitätslos, wehrlos und ausgeliefert. Ich kaufte meiner Mutter neue Kleidung und zog sie um. Sie sprach in den nächsten Wochen kein Wort. Und ich bemerkte zum ersten Mal eine stumme Verzweiflung in ihren Augen, die ich bisher noch nicht an ihr kannte. In diesem Haus passierten noch mehrere solcher Vorkommnisse.
Besonders ausweglos und beklemmend wurde die Situation dann durch einen Arzt, der zu keiner vernünftigen Zusammenarbeit in der Lage war. Ein Herzmittel, das ihm für eine alte Frau wohl zu teuer schien, setzte er abrupt ohne Absprache ab, woraufhin meine Mutter plötzlich einen Blutdruck von über 200 bekam. Weil sie nicht sprach und durch das Fehlen des Medikaments völlig irritiert war, hatte sie nun plötzlich die Alzheimer-Krankheit. Ich habe die Sprachlosigkeit meiner Mutter als sehr viel intelligenter und angemessener empfunden als die Diagnose des Arztes. Seine Visite sah so aus: Er steckte einmal seinen Kopf durch die Tür und rechnete dann ausführliche körperliche Untersuchungen und therapeutische Gespräche ab. Wenn ich ihm auf dem Flur im Pflegeheim begegnete, kannte er mich nicht. Nach einem Vierteljahr und wieder unzähligen Gesprächen schmissen wir schließlich das Handtuch. Meine Mutter hustete jetzt so stark, dass sie sich ständig übergab und blau anlief. Ein anderer Arzt verschrieb Hustenblocker! Daraufhin bekam meine Mutter keine Luft mehr. In meiner Verzweiflung rief ich im Krankenhaus Großhansdorf an, wo sie vor ein paar Jahren so hervorragend behandelt worden war. Zwei Tage später brachten wir sie in die Klinik, und aufgrund ihrer schweren Vorerkrankung riet uns der Arzt zu einer Bronchoskopie. Diese überstand sie dank der ausgezeichneten Betreuung sehr gut und es stellte sich heraus, dass ihre extremen Hustenattacken seelischer Natur waren. Also: ein neues Heim suchen - ich wollte ja schließlich meine Mutter nicht länger in eine Einrichtung geben, wo aus einer Pflegebedürftigen noch eine psychisch Kranke gemacht wurde.
Also mussten wir meine Mutter ins siebte Heim bringen. Hier gab es einen ansprechenden Tagesraum. Eine couragierte Stationsschwester und ein zwar exzentrisch wirkender, aber geistesgegenwärtiger Pfleger brachten wirklich jeden auch noch so behinderten Bewohner jeden Tag angekleidet in die Gemeinschaft. Diese beiden und einige andere freundliche und bemühte Mitarbeiter retteten die Atmosphäre durch ihre lebensfrohe natürliche Art. Aufgrund schwer wiegender interner Probleme, die hausgemacht und in erster Linie Leitungsprobleme waren, brach allerdings die Grundversorgung dann irgendwann so weit zusammen, dass ich wieder jeden Tag und zeitweise sogar mehrmals täglich kam, um meine Mutter zur Toilette zu bringen, ihre kaputte Haut zu salben, sie mit Müsliriegeln und Vollkornstullen zu versorgen, weil sie nicht mehr satt wurde. Ich bot ihr zu trinken an, ich putzte verdreckte Sanitäranlagen, ich sortierte schmutzige Wäsche, ich reichte der bettlägerigen Nachbarin das Essen und so weiter und so fort. Meine Mutter nahm ständig ab, was aber keiner kontrollierte, weil es keine funktionierende Waage gab. Da das Gewicht nicht dokumentiert wurde, nahm sie nach der offiziellen Pflegedokumentation auch nicht ab, also war unsere Beobachtung und die mehrerer Mitarbeiter nicht relevant.
Deshalb: die nächste Pflegeeinrichtung, bitte! Da wir beruflich zu dieser Zeit gerade in einer Umbruchssituation und nicht fest an unseren Wohnort gebunden waren, fassten wir den Entschluss, aus Hamburg fortzugehen, zumal wir weit und breit kein einziges Pflegeheim mehr fanden. Inzwischen eilte uns der Ruf einer entsetzlichen Familie voraus, die viel zu viele Fragen stellt, unbequem und anstrengend ist und über mehr Fachkompetenz verfügt, als so manchem Pflegedienstleiter lieb ist.
Wir zogen um. Nun wohnen wir am Meer und meine Mutter lebt in unserer Nähe in einer Senioreneinrichtung. Wir haben ein paar gute Monate. Ein herrlicher Frühling mit strahlend blauem Himmel und leuchtend gelben Rapsfeldern, ein Sommer zwischen duftenden Heckenrosen, überall Natur und eine frische Meeresbrise. Meiner Mutter geht es richtig gut. Eine nette Pflege-Crew bemüht sich. Dann plötzlich will meine Mutter nicht mehr laufen, wir holen die Krankengymnastin, aber alle Versuche scheitern. Wir kaufen einen Rollstuhl, weil das Haus keinen hat. Nun sitzt sie fast nur noch, schläft viel und wendet sich mehr und mehr von der Realität ab. Das an sich ist kein Grund zur Beunruhigung; dass meine Mutter dann aber einen Dekubitus bekommt und dieser nicht versorgt wird, ist nicht zu verstehen. Meine Mutter isst und trinkt sehr schlecht, und man muss sich Zeit nehmen und auch einmal ein paar vernünftige Worte mit ihr sprechen. Dass aber das Pflegepersonal die vollen Teller und Trinkbecher einfach wieder mitnimmt und sich nicht im geringsten um den Gesundheitszustand meiner Mutter kümmert, ist eine fachliche und menschliche Unmöglichkeit, selbst für uns erfahrene Pflegeheimgänger nicht vorstellbar. Meine Mutter hat keinen Stuhlgang mehr, und es wird weder etwas unternommen noch werden wir benachrichtigt. So lange, bis wir wieder einmal als Angehörige den Arzt holen. Eine Krankenhauseinweisung ist nötig, fortgeschrittene Austrocknung ist die Folge der mangelhaften Pflege, die seelischen sind viel gravierender. Wie entsetzlich einsam und elend muss ich mich als Mensch fühlen, wenn so mit mir umgegangen wird und ich mich nicht mehr wehren kann? Und wie fühle ich mich als Angehöriger, wenn ich weiß, dass ohne mein Eingreifen meine Mutter verhungert und verdurstet wäre, obwohl ich, so oft es geht, hingehe und nachfrage, und was hat das für mich als Menschen für Folgen? Werde ich jetzt pathologisch misstrauisch oder versinke ich in tiefe Depressionen? Und was sind das für Pflegekräfte, die zusehen können, wie ein ihnen anvertrauter alter Mensch dahinvegetiert? Unsere Hoffnungen auf eine ruhige Zeit sind vorbei. Wieder fahre ich jeden Tag weite Wege, um meine Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Sie liegt klein und hutzelig in ihrem Bett und ist glücklich über die kleinste Zuwendung einer freundlichen Schwester.
Als Mensch bin ich inzwischen selbst an Körper und Seele so beschädigt, dass ich kein normales Leben mehr führen kann. Ich lebe in permanenter Unruhe, was für eine Hiobsbotschaft mich in der nächsten Stunde erreichen wird und wie ich damit überhaupt noch umgehen werde. Ich kann nur noch stundenweise arbeiten, weil ich seit Jahren in ständigem Bereitschaftsdienst lebe und meine Kräfte einfach am Ende sind. Nächtelang diskutieren Eva und ich, wie es nun weitergehen soll. Wir finden so schnell keinen neuen Heimplatz für meine Mutter und nehmen sie bei uns zu Hause auf.
Es ist schon schwer genug, über Jahre die eigene Mutter immer weiter entschwinden zu sehen, mit all den körperlichen und seelischen Veränderungen, die dieser Rückzug beinhaltet. Nun sind wir noch durch all die unglückseligen Vorkommnisse entkräftet. Die Pflege zu Hause sieht so aus: Drei Wochen rund um die Uhr geht es treppauf, treppab. Nachtruhe gibt es nicht, weil meine Mutter als Schwerstpflegefall aus dem Krankenhaus entlassen wird und wir sie alle zwei Stunden lagern müssen. Jedes Krümelchen Brot, ein Stück Apfel, ein Löffel Kartoffelbrei dauern endlos, jeder Schluck Tee ist eine Riesenaktion mit Verschlucken, Ausspucken und neuem Versuch. Liebevolle Schwestern der Sozialstation helfen uns. Die Stimmung meiner Mutter reicht von glücklich und entspannt über abweisend bis hin zu offener Aggression uns gegenüber, schlägt alle paar Stunden um und versetzt uns in ein Wechselbad der Gefühle. Wir bemühen uns um Gleichmut. Es gibt Momente, in denen ich so verzweifelt bin, dass ich nicht mehr denken kann. Wir telefonieren mit verschiedenen Pflegeheimen, denn wir können nicht uns selbst auch noch zum Pflegefall werden lassen und müssen, so bitter es ist, erneut und nach all den schrecklichen Erfahrungen trotzdem wieder eine außerhäusliche Regelung finden.
Wir finden sie. Eine neunte Pflegeinrichtung, weit entfernt von uns, aber das ist uns inzwischen gleichgültig. Meine Mutter wird dort zumindest täglich aus dem Bett geholt und als Mensch wahrgenommen. Das ist offenbar alles, was man zur Zeit von einem Pflegeheim erwarten kann, und wenn es denn geleistet wird, ist es schon sehr viel. Meine Mutter sitzt in einem gemütlichen Wohnzimmer an einem großen Holztisch gemeinsam mit anderen Leidensgenossen und bekommt regelmäßig zu trinken und ein nahrhaftes, leckeres Essen. Die Pflegekräfte in diesem Haus sind genauso überlastet wie überall sonst, aber es herrscht dennoch eine etwas andere, menschlichere Atmosphäre. Dann gibt es noch einen wunderbaren Therapeuten und einen entzückenden kleinen Therapiehund. Diese beiden Lichtgestalten tun uns allen einfach gut. Es gibt einen Arzt, der keine Berührungsängste kennt und sich jede Woche zu meiner Mutter in die Tischrunde setzt, einfach als Mensch. Es gibt keine überflüssigen Medikamente, sondern Gespräch und Anteilnahme. Die Seele und der Geist eines Menschen werden hier genauso ernst genommen wie der Körper. Wir können aufatmen.
Maria Peschek, Kabarettistin
"Wer Pech hat, kriegt eben eine Magensonde" Der Pflegenotstand findet Einzug ins Kabarett - Maria Pescheks Tanz auf dem Vulkan
Pflege ist ein ernstes Thema. Das sagt auch die Münchner Kabarettistin Maria Peschek. Ein so ernstes Thema, meint sie, dass man darüber lachen muss, wenn man nicht die ganze Zeit weinen will. So entstand folgende Kabarett-Nummer:
"Hi, ich bin die Marie von Brain-TV. Wir sind der Sender, der nicht nur tolle Musik macht, sondern auch zeigen will, dass junge Leute ganz schön was in der Birne haben. In der letzten Sendung haben wir euch darauf aufmerksam gemacht - man hört und sieht immer so viel über alte Leute. Da gibt es anscheinend so ähh ... Probleme. Und da haben wir euch angeregt, guckt euch zu Hause in eurer Familie mal so`n bisschen um, ob es da alte Leute gibt - und was die so machen. Ja, und da habt ihr uns ganz, ganz tolle Mails geschickt.
Manche haben sogar noch richtige Großeltern, aber auf diese Großeltern wären die Eltern gar nicht gut zu sprechen, weil diese Großeltern würden sich überhaupt nicht benehmen wie richtig alte Leute, sondern in der Weltgeschichte rumfliegen und das ganze Erbe verplempern. Und dann bekamen wir ganz, ganz viele Mails über so Omas und Opas. Man wisse nicht genau, wie, wo und warum, aber die wären wohl alle eingesperrt. Da haben wir von Brain-TV uns gedacht: Hm, da kann doch was nicht stimmen. So böse können diese vielen Omas und Opas doch nicht sein, dass man die gleich alle wegsperren muss.
Wir von Brain-TV, wir sind jetzt schlauer. Wir haben recherchiert und so manchen von diesen Omas und Opas aufgespürt - in so einem Pflegeheim. Boahh: Zuerst waren wir total schockiert, weil die sind dort nicht, weil sie was ausgefressen haben, sondern weil sie alt sind und weil sie sich nicht mehr selber versorgen können. Dass das so wie eingesperrt aussieht, hat mit diesem Pflegenotstand zu tun: Manche liegen festgebunden in den Betten, die Gitter sind hochgezogen und zuerst denkt man sich: Oh mein Gott, was geht denn hier ab, die sind ja gefesselt! Aber Gott sei Dank, das nennt man nicht fesseln, sondern bloß fixieren - und ist zu ihrem eigenen Schutz, weil ja nicht ständig jemand nach ihnen gucken kann. Doof ist es auch mit dem Essen: Viele könnten noch richtig essen, aber sie bräuchten jemanden, der ihnen hilft, das Essen klein schneidet oder sie füttert. Aber wer soll das denn machen? Das Pflegepersonal hat ja noch sooo viel andre Sachen zu tun. Die stellen das Essen dann vor die alten Leutchen hin, und die möchten's gerne haben, kommen aber nicht ran. Manche haben Glück, die bekommen Besuch, und der hilft ihnen dann. Die anderen haben Pech, die bekommen eine Magensonde.
Am oberdöfsten fanden wir das mit dem Auf's-Klo-Gehn. Viele könnten das auch, aber sie bräuchten dabei Hilfe, jemand, der sie führt - und das dauert. So dass diese Leute 'ne Windel verpasst kriegen, weil wickeln geht schneller. Und die Windel muss auch nicht gleich gewechselt werden. Man kann die alten Leutchen ganz schön lange in ihrer eigenen Sch ... äähh - in dieser Windel liegen lassen. O.K., wir von Brain-TV, wir waren zuerst schockiert und haben uns gesagt: Booaah, die meisten Leute wissen gar nicht, wie's in so Pflegeheimen zugeht. Und da müssen wir Journalisten, wir von den Medien, uns ganz selbstkritisch an der Nase fassen: Immer wenn über so Skandale aus so'nem Heim berichtet wird, ist das so reißerisch aufgemacht, sodass man sich denkt: Oh mein Gott, ist es schon wieder so einem Sadisten geglückt, sich in ein Heim einzuschleichen, um alte Menschen zu piesacken!
Wenn wir aber wissen, dass das normal ist, dass es eben so üblich ist, dass das nun mal so aussieht - der Pflegenotstand. Dann macht uns der schon nicht mehr so viel Angst, oder? O.K. - wir von Brain-TV, wir wollen was gegen das Nicht-Wissen tun und wollen mit euch so 'ne Art Trainingsprogramm durchführen. Das könnt ihr dann an euren Eltern oder an euch selber ausprobieren, dass ihr dann drauf vorbereitet seid, wenn's heißt: ab ins Pflegeheim. Als erstes haben wir euch als Trainingsmaterial diese Windel mitgebracht. Probiert die doch mal so als Spiel, ja, als Rollenspiel aus. Erstens: Wie lange ihr es in dieser Windel aushalten könnt - und vor allen Dingen, was das für ein Gefühl ist, wenn man zur Toilette muss und gezwungen wird, als erwachsener Mensch in so eine Windel ... also so eine Windel zu benutzen. Eure Gefühle dabei sind uns besonders wichtig. Mailt uns eure Gefühle!!!
Das nächste Mal trainieren wir dann, wie lange ihr es ohne Trinken aushalten könnt. Ungeduldige können natürlich unser gesamtes Trainingsprogramm im Internet anfordern unter www.heutewirmorgenihr.de - Tschüssi!" |
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