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Rezensionen:WEGWEISEND – Eine Rezension (3. Juni 2003)
====================================================== Max Wingen, Bevölkerungsbewusste Familienpolitik – Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen, Publikationen des Instituts für Ehe und Familie Nr.14, Wien 2003, 90 S., 8,00 € (Auslieferung in Deutschland: Vektor-Verlag, 53501 Grafschaft, www.vektor-verlag.de) ======================================================
Der Autor Prof. Dr. Max Wingen ist unter Fachkennern seit Jahrzehnten als Wegbereiter einer systemischen familienwissenschaftlichen Forschung bekannt und hat – schon seit seiner Zeit als Leiter des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg mit der dort von ihm eingerichteten Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle – allen politischen Parteien wichtige Anregungen zur Familienpolitik vermittelt. In jedem Fall wird an den maßvollen, dichten und erhellenden Anmerkungen sowie am zusätzlich hilfreichen Literaturverzeichnis dieser (schon vom Druck her gut lesbaren) Broschüre deutlich: hier kommt ein besonderer Kenner zu Wort, der die demografische und familienwissenschaftliche Forschung sowie die breite familienpolitische Diskussion der letzten Jahrzehnte bis in die neueste Diskussion souverän überblickt und beherrscht.
Im Titel klingt die große Dringlichkeit an, die hinter seiner Darlegung steht: der seit 20 Jahren absehbare Umbruch in der demografischen Gesamtentwicklung, der erst in jüngster Zeit in das Bewusstsein der breiteren Bevölkerung zu dringen beginnt, soweit es die „Überalterung“ der Gesellschaft mit allen langfristigen und tiefgreifenden Folgen betrifft. Noch immer aber ist kaum bewusst, dass der programmierte Bevölkerungsrückgang ohne eine klare gesellschaftspolitische Gegensteuerung die Zukunftsdramatik nur noch weiter vertieft. Angesichts der Tatsache, dass auch eine gezielte und gesteuerte Zuwanderungspolitik aus vielen Gründen keinen vergleichbaren Ausgleich schaffen kann, stellt sich die Aufgabe, profiliert darüber nachzudenken, wie mit den Herausforderungen einer zu niedrigen Geburtenrate seriös umzugehen ist.
Der Autor geht die Aufgabenstellung in sechs Abschnitten an: Die (allzu) lange kollektiv verdrängte demografische Problemlage unseres Gemeinswesens (I), die mögliche Rahmensteuerung der Geburtenentwicklung in einer freien, demokratischen Gesellschaft als gesellschaftspolitische und sozialethische Herausforderung (II), Ansatzpunkte und Grenzen einer bevölkerungsbewussten Familienpolitik (III), das spezifische Profil einer bevölkerungsbewussten Familienpolitik(IV), eine Abschätzung der demografischen Wirkungen einer auch bevölkerungsbewussten Familienpolitik (V) und: Der demografische Prozess als gesellschaftspolitische Gestaltungsaufgabe (VI). „Bevölkerungsbewusste Familienpolitik“ im Sinne von Max Wingen setzt sich von mehrfachen Fehlvorstellungen ab: Es geht nicht um „Bevölkerungspolitik unseligen Angedenkens“ oder um kurzfristig und parteipolitisch angelegte Image-Politik, die „auch etwas für die Familie tut“, sondern um eine ganzheitliche Familienpolitik mit Querschnittscharakter, die im Interesse der Gesamtgesellschaft eine auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit angelegte und ausgewogene Sicherung der Generationenfolge im Auge hat und die sich darum nicht von vorurteilsgeladenen Einwürfen verschiedenster Art einschüchtern lässt. Im Unterschied zu ideologischen Entwürfen verschiedener Couleur legt Wingen darauf Wert, dass an die Aufgabe mit kompetentem sozialwissenschaftlichen Instrumentarium herangegangen wird. Wo Ehepaare sich Kinder wünschen, soll ihnen dies auch durch vorteilhafte Rahmenbedingungen ermöglicht werden. Dies hat stets in einem Netzwerk von Hilfestellungen zu geschehen, weil isolierte Einzelmaßnahmen meist die erhoffte Wirkung verfehlen. Eine qualitativ neue Familienpolitik stellt eine ganz umfassende gesellschaftspolitische Aufgabe dar. In ihr müssen alle Lebensbereiche mit ihrer Vernetzung im Blick bleiben und alle Einzelmaßnahmen sind integrativ zu bedenken und auszugestalten.
Auf diese Weise kommt der sehr persönliche und individuell zu achtende Wunsch eines Paares nach Kindern auch (!) in seinem gesellschaftlichen und zukunftsbezogenen Horizont in Sicht. „Kinderkriegen“ ist eben keine reine Privatsache. „Verantwortete Elternschaft“ erweist sich vielmehr „immer als eine auch gesellschaftlich verantwortete Elternschaft“ (S. 32). Die Erfüllung des Kinderwunsches darf für Eltern nicht nur abstrakt und virtuell „möglich“ sein. Wichtig ist vielmehr, dass „zugleich der nötige soziale und wirtschaftliche Freiraum für die Entscheidung zu mehreren Kindern tatsächlich gesichert ist.“ (ebd.) Dies aber ist nur durch ein komplexes Bündel von politischen, wirtschaftlichen, sozialen, finanziellen und kulturellen Maßnahmen denkbar. Zu Letzterem gehört auch eine breite kritische Aufarbeitung des „Individualisierungsschubes der letzten Jahrzehnte“, der auf Dauer jede „Kultur der Freiheit in Verantwortung“ untergräbt (S. 33): „Es bleibt daran zu erinnern, dass es über-individuell bedeutsame und auf Dauer angelegte Einrichtungen (Institutionen) gibt, die nicht zufälliger Erfindung bzw. der Willkür des Menschen entspringen und für ein menschenwürdiges und -gerechtes Zusammenleben unentbehrlich sind.“
Die Studie verknüpft Einsichten der empirischen Bevölkerungssoziologie mit aktuellen sozio-ökonomischen Tatbeständen und dem veränderten kulturpolischen Klima unserer Gesellschaft, sowie demografische Weitsicht mit soziologischer Umsicht und hoher Behutsamkeit, wo es um den Umgang mit den Wünschen von Menschen geht. Unweigerlich steht die Frage nach lebens-dienlichen Leitbildern im Raum. Jedenfalls muss Kinderhaben auch als lebenssinn-stiftend erlebt werden können. Keinen Raum aber lässt Max Wingen für naive, idealistische Zukunftshoffnungen, die sich ggf. an den gnadenlosen demografischen Gesetzmäßigkeiten vorbeimogeln wollen. An einigen Stellen der Studie wünschte sich mancher Leser vielleicht eine eher „journalistisch“ aufgemachte, d. h. vereinfachte Sprachgestalt der Darlegungen. Vielleicht aber bestünde genau dadurch die Gefahr, dem weit verbreiteten fraktionierten, kurzatmigen und nicht-integrierenden Denken, das von selbstbezogenen Interessen und Horizonten bestimmt ist, Vorschub zu leisten. Dem tritt der Autor entschieden und mit ruhiger Kompetenz entgegen. Mit großer Behutsamkeit, aber sicher auch mit gebändigter Ungeduld – weil er die Herausforderungen der Zukunft dramatisch genug auf uns alle zukommen sieht – wagt er schließlich als Familienwissenschaftler den Ansatz zu einer positiven Handlungsoption und „Vision“: „Was in der Wirkungsforschung zum Verhältnis von Familienpolitik und Geburtenentwicklung fehlt, ist eigentlich die empirische Überprüfung der demografischen Wirkungen eines integrativen Familienpolitikansatzes, eines tatsächlich verwirklichten Familienpolitik-Profils“, das für ihn über rein ökonomische Ansätze und isolierte Einzelaktionen weit hinaus geht und von vorneherein integrativ geplante Maßnahmenbündel umfasst (S. 73). Max Wingen lädt also zu einem groß angelegten „Feldversuch“ ein (S. 74), der sich für die Zukunft der Familien in Deutschland in jedem Fall n u r segensreich auswirken könnte und in dem eine neue Qualität von Politikberatung zum Zuge käme. – Damit ist eine Herausforderung formuliert, die eigentlich gerade auch die Fantasie, d. h. das anspruchsvolle Nachdenken der jungen Erwachsenen-Generation ansprechen müsste und muss! Denn: um i h r e langfristige Zukunft und die Zukunft der nachrückenden Generation geht es letztlich!
Gerade den Besten unter denen, die im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben für die Zukunftsverantwortung ex officio zuständig sind (und allen, denen die Zukunft von Ehe und Familie und ein gelingendes Miteinander der Generationen wichtig ist), ist diese Publikation aufs Wärmste zu empfehlen. Die wissenschaftlich nüchterne und so überzeugende Sprache der Schrift führt nicht in Elfenbeintürme, sondern mündet in sehr konkrete Anregungen und Vorschläge. Diese sollte jeder Interessierte unbedingt selber gelesen haben, um die politische Relevanz dieses klugen „Vermächtnisses“ selber erkennen und beurteilen zu können!
Die Kirchen, denen es ohnehin im Sinn gesellschaftsdiakonischer Langzeitverantwortung (auch) um „der Stadt Bestes“ und um das Wohl aller gehen muss, würden aus dieser Schrift wichtige Anregungen für die eigene konkrete Zukunftsverantwortung gewinnen, zumal das z. T. visionäre Grundkonzept von Max Wingen bestens mit dem biblischen Ethos kompatibel ist. Eine intensive Beschäftigung mit diesen Impulsen auf allen Ebenen der Leitung und der kirchlichen Bildung könnte ganz neue Impulse für eine breite sozialethische Debatte zur Zukunft in Kirche und Gesellschaft auslösen. Dies würde fraglos dazu beitragen, dass das Motto und die Verheißung des Ökumenischen Kirchentags 2003 nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Kirchen insgesamt neu erfahrbar wird: „Du sollst ein Segen sein!“ (R.-A. Thieke)
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